„Neue Normalität“ kann eine Inspiration sein, um die Bedeutung von Arbeit und Leben in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit neu zu definieren
21/05/2020 |

„Neue Normalität“ kann eine Inspiration sein, um die Bedeutung von Arbeit und Leben in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit neu zu definieren

Der CEO der OTRS Group teilt seine Gedanken zu den
Auswirkungen der Corona-Krise und ihrer Impulswirkung für die Zukunft.

sapce elevator

Als im Januar die ersten Meldungen aus China/Wuhan kamen, die über ein neues Virus berichteten, ging es mir sicherlich wie allen anderen und es ist müßig darüber zu reden: Niemand hatte auch nur annähernd eine Vorstellung davon, welches Szenario sich daraus entwickeln würde und dass nach nur wenigen Wochen unsere Zukunft auf einmal unwiderruflich verändert sein würde, geradezu radikal offen und unplanbar erscheinend.

Wir machten auf einmal eine Erfahrung und mussten uns an etwas gewöhnen, was zumindest unserer Generation bisher weitgehend unbekannt war und wir nur zum Teil aus den Berichten über Kriege und Flüchtlinge meinten zu kennen: Massive Beschränkungen in unserem privaten Leben wie auch im beruflichen Umfeld.

Nach 75 Jahren Stabilität erleben wir jetzt auf einmal eine nie bewusst wahrgenommene Fragilität und die brutale Begrenztheit unserer eigenen Handlungsmacht. Wir alle haben in dieser Zeit versucht, den Kern des Wahren, also Tatsachen und Fakten zu identifizieren, um uns Klarheit zu verschaffen, und wurden und werden stattdessen mit einem unbekannten Maß an Unsicherheit und damit verbundenen Zweifeln und Ängsten konfrontiert. Die Zusammenhänge und das big picture zu verstehen, gelingt uns bisher nicht wirklich.

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler hat das so beschrieben: Es ist, als würde sich eine neue Realität über das schieben, was wir lange für die Wirklichkeit hielten. Ich finde das ist ein interessanter Blickwinkel.

Aber dennoch….wie viel wussten wir denn wirklich über diese Realität, über das was in unserem täglichen Leben passierte und passieren wird? Ist der Eindruck, alles im Griff zu haben und zu wissen, was in der näheren Zukunft passieren wird, nicht ein Irrglaube? Wir wiegen uns in einer vermeintlichen Sicherheit und dem Bewusstsein der Überschaubarkeit. Wir treffen Entscheidungen in dem trügerischen Bewusstsein, über genau jene Informationen zu verfügen, die diese erfolgreich machen. Wenn wir genau hinsehen, erweist sich dies als Selbsttäuschung und Corona als der Verräter an der falschen Wahrheit.

Vor Corona war es die Klimakatastrophe, die zunehmend an Präsenz gewonnen und unser Leben mehr oder weniger diskret versucht hat, in eine andere Richtung zu lenken; dies nicht sehr nachdrücklich und scheinbar immer noch mit der Möglichkeit, uns zu entscheiden: für noch mehr Produktion und Konsumption.

So unglaublich mobil und global unsere Welt bisher war, hat sie nun etwas zutage gebracht, was aus ihr selbst resultiert und ihr gleichzeitig zum absoluten Stillstand verhelfen kann: die Pandemie. Sie signalisiert uns das nächste Level der Eskalation, quasi die Steigerung des Vorfalls Klimakatastrophe und zwingt uns dazu, zu akzeptieren, dass das Leben nicht weitergehen wird wie zuvor.

Nun lockern sich die Beschränkungen langsam nach und nach und wir können Versuche beobachten, all das nachzuholen, was in den letzten Monaten scheinbar verpasst wurde. Gleichzeitig erkennen wir, dass dies gar nicht möglich ist. Aber auch noch nie möglich war! Denn vergangene Zeit ist unwiederbringlich.

Es geht darum, die gegenwärtige Zeit dafür zu nutzen, die etablierte Selbsttäuschung zugunsten neuer Denkmuster aufzugeben.

Es geht vielmehr darum, die gegenwärtige Zeit dafür zu nutzen, unsere etablierte Selbsttäuschung aufzugeben.

Die Frage stellt sich, ob wir bereit dafür sind? Was bedarf es, diesen Moment für eine Transformation zu nutzen statt einfach nur das alte Vehikel aus Produktion und Konsumption wiederherzustellen?

Zu Beginn zumindest eine genauere Analyse:
Unsere Ego-Illusionen, die als unsere vertrauten Denkmuster funktionierten, sind verloren gegangen. Denn das worauf wir vertraut haben, hat sich als nicht verlässlich gezeigt:
Die Kontinuität eines Fortschritts im Sinne von „das Morgen ist wie das Gestern, nur besser“ wurde durch die Corona-Krise ad absurdum geführt. Ebenso wie unsere Illusion, alles im Griff zu haben, wenn wir nur ausreichend Disziplin, Planung und Kontrolle einsetzen. Leistung als verlässlicher Indikator hat bei der Corona-Pandemie ebenfalls versagt, denn trotz erheblichen Einsatzes haben wir an vielen Stellen Verluste zu vermelden. Und nicht zuletzt unsere Illusion von der Macht des eigenen Erfolgs! Wir haben Zufall, Glück und günstige Umstände als Protagonisten unseres Erfolgs bei weitem unterschätzt, denn der Wille zum Erfolg reicht nicht.

Wie Max Frisch in Stiller schreibt: „Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Die Pandemie hat für die meisten Menschen diese Erfindung entlarvt und die Illusionen nachhaltig zerstört. Unsere enttäuschte Welt hält stattdessen eine Vielfalt an Sorgen und Ängsten bereit. Vor der Krankheit Corona, dem (unter Umständen damit verbundenen) Tod, den unterschiedlichen Verlusten (in Familie und Beruf) und all dem, was wir noch gar nicht absehen und uns noch bevorstehen kann.

Jetzt heißt es, die unser Denken vergiftenden Ängste zu bewältigen, um nach vorne schauen zu können und herauszufinden, was uns stattdessen Halt geben kann…und dabei Sinnstiftendes zu identifizieren.

Marcuse hat schon Mitte der 1950er kritisiert, dass die Definition des Lebensstandards durch Autos und Fernsehapparate die Definition des Leistungsprinzips an sich ist und Lebensniveau sich nach anderen Kriterien berechnen sollte. Dies kann für uns jetzt bedeuten, den materiellen Wohlstand zu senken für ein Mehr an persönlicher Freiheit. Nicht nur abstrakt sondern vielmehr ganz konkret müssen Kreativität und Innovation an erste Stelle rücken.

Ray Dalio bezeichnet die Corona-Krise als eine „wunderbare Revolution“, weil sie uns extreme Fortschritte im Bereich der Digitalisierung, der Daten und des menschlichen Denkens bescheren werde. Wenn sich dieser Fortschritt insbesondere auf das menschliche Denken auswirkt, so wäre dies für mich in der Tat ein enormer Gewinn.

Wir können und müssen jetzt entscheiden, was wir wirklich brauchen und was Luxus ist, vielleicht sogar neue Definitionen hierfür zu formulieren. Wir haben die Möglichkeit, den Grundstein für gesündere Arbeitskulturen zu legen. Dabei werden die Themen Produktivität und Eigenverantwortung elementar sein und unter neuen Aspekten diskutiert werden können.

Mir macht diese Aussicht Mut. Eine solche Herausforderung, die uns Raum gibt, Weichen neu zu stellen, möchte ich gerne annehmen, um dem Sinn in Leben und Arbeit eine neue Dimension zu verleihen. Die dabei zu überwindenden Hürden sind unser Lehrpfad, auf dem wir in unvergleichlicher Weise wachsen können.